Blickpunktthema: 100 Jahre VHS - 100 Jahre Wissen teilen

100 Jahre Volkshochschule – 100 Jahre Zukunft
So war die Mitgliederversammlung des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg im Jubiläumsjahr 2019 überschrieben.  Kein Titel passt besser für die Erfolgsgeschichte der Volkshochschulbewegung und auch unserer Volkshochschule hier in Freiburg, die in diesem Jahr ebenfalls ihren 100. Geburtstag feiern kann.
 
Gründung
Zur Zeit der Gründung wie heute setzte und setzt die Volkshochschule den Anspruch um, Menschen zu befähigen, in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Umfeldern aktiv, kompetent und selbstverantwortlich zu handeln und diese dadurch mitzugestalten. Die Volkshochschule war also immer modern, mit ihren Angeboten am Puls der Zeit, auf zukünftige Herausforderungen und Anforderungen nachhaltig ausgerichtet.
1919 entstand die Freiburger Volkshochschule aus zwei Strömungen: der „Freien Volkshochschule“, deren Zielgruppe hauptsächlich die Arbeiterschaft war, und der Universität mit ihren „volkstümlichen Hochschulkursen", die sich an den Bildungsinteressen des Bürgertums orientierten. Die aus beiden Richtungen entstandene Volkshochschule stellte also Bildungsangebote für alle bereit. Dieser Tradition waren und sind wir bis heute treu.
Im Herbst 1919 startete die Volkshochschule mit 50 Teilnehmenden in ihr erstes Semester. Heute nutzen jährlich fast 50.000 Menschen die Volkshochschule für ihre Bildungsinteressen. Dabei befindet sich die Volkshochschule inmitten einer Vielzahl von Bildungsanbietern, die von Konkurrenten häufig zu Kooperationspartnern wurden. So gelingt es, den vielfältigen Herausforderungen von zeitgemäßer und zukunftsorientierter Bildungsarbeit zu begegnen.

Bildungsangebote im Wandel
In den 100 Jahren haben sich vor allem Inhalte der Bildungsangebote gewandelt - jeweils angepasst an gesellschaftliche, technische und politische Entwicklungen, aber auch an Moden oder Trends. Hierzu ein Blick in historische Veranstaltungsprogramme. So gab es Anfang der 1950er Jahre nur einen Deutschkurs, was sich mit dem Zuzug der Gastarbeiter gravierend änderte. Damals fanden für ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Zugereisten anstatt der heutigen Integrationskurse Veranstaltungen statt, in denen sich ausländische Gruppen vorstellten; 1972 wurde in einem Vortrag „Das Freiburger Eingliederungsmodell für Problem-Zigeuner und Landfahrerfamilien" vorgestellt. Heute dagegen macht der Fachbereich Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache mit seinen Integrationskursen ein Drittel der gesamten jährlichen Unterrichtsstunden aus.
In den 1970ern war es durchaus en vogue, esoterische Kurse anzubieten und über Sekten nicht nur aufzuklären, sondern diese sich selbst vorstellen zu lassen. Heute gibt es strenge selbstverpflichtende Auflagen, was die Seriosität des Volkshochschulprogramms angeht, die zudem vom Verband der Volkshochschulen überwacht werden. Mit der ersten Digitalisierungswelle, der Einführung von Computern, wurde der Umgang mit diesen geschult (seit 1981), die Frauenbewegung fand im Angebot der Volkshochschule ihren Niederschlag genauso wie ersten Umweltdiskussionen.
Diskussionsforen und spezielle Angebote zu (stadt-)politischen und gesellschaftlichen Themen (z.B. Bürgerforen zur Atomenergie, Arbeitslosentreffs, Räume für Selbsthilfegruppen u.a. für Homosexuelle) waren in den 1980er Jahren in den Programmen der Volkshochschule deutlich häufiger vertreten als heute. Erklärt werden kann dies damit, dass seinerzeit die VHS unter den verfügbaren (Weiter-)Bildungsangeboten zu besagten gesellschaftlichen und politischen Themen ein deutliches Alleinstellungsmerkmal innehatte. Heute werden fast alle diese Themen von Initiativen, Vereinen und Institutionen vertreten, die auf solche Angebote spezialisiert sind und mit denen die VHS regelmäßig und gut zusammenarbeitet.
Schulabschlüsse können seit mehr als 60 Jahren nachgeholt werden. Seit den 1990er Jahren gibt es immer mehr drittmittelgeförderte Angebote für Menschen, die nicht von sich aus den Weg zur Volkshochschule finden: Angebote für Arbeitslose und Arbeitssuchende, Alphabetisierungs- und Grundbildungskurse, Angebote für Eltern und Familien in den Schulen und Kindertagesstätten, Sprachförderung mit dem Rucksackprogramm für Kinder mit ihren Eltern, spezielle berufliche Weiterbildungsangebote für gut qualifizierte Migrantinnen und Migranten, berufliches Übergangsmanagement für Teilnehmende aus dem zweiten Bildungsweg. Für alle Bürgerinnen und Bürger steht mit dem Wegweiser Bildung in den Räumen der Stadtbibliothek und dezentral in den Stadtteilen und auch in der Volkshochschule ein gut ausgebautes Netz für Bildungsberatung zur Verfügung.
Änderungen erfuhren auch die Titel von Angeboten: Im Sprachenbereich wurden früher „Anfänger“, „Etwas-Könner“ und Fortgeschrittene unterschieden. Heute werden Sprachkurse streng nach dem Europäischen Referenzrahmen von A1 bis C2 angeboten. Aus der Hausfrauengymnastik wurde über „Bauch, Beine, Po“ die „Fitness für den Alltag“, aus „Yoga auch für Christen“ entstand ein breites Yoga-Angebot mit fast 40 Kursen pro Semester.
 
Formate, Service, Organisation
Aber auch das Erscheinungsbild des Programmheftes ging mit der Zeit. Schriftzüge und Logos wurden angepasst, das Format wurde vom dünnen DIN-A5-Heftchen mit 20 Seiten (1947) mit dem zunehmenden Umfang des Angebots bis zum heute üblichen „Berliner Format“ mit ca. 130 Seiten angepasst. Eine Ausstellung ausgewählter Programmhefttitel können Sie im VHS-Colombi-Eck sehen.
 
Der Service für die Teilnehmenden veränderte sich. 1947 stand noch im Programmheft: „In Einzelfragen wende man sich an den Geschäftsführer, freitags im Sekretariat der VHS, ansonsten in seiner Wohnung“. Vor der Einführung der Verwaltungs-EDV fanden sich jeweils zu Semesterbeginn lange Schlangen vor dem Anmeldebüro ein, Karteikarten für Kurse und Teilnehmende wurden geführt und die Kursgebühr bar bezahlt. Heute haben wir ca. 50 % Online-Anmeldungen und für Einzelanfragen zu Semesterbeginn steht ein „Callcenter“, besetzt mit sechs Mitarbeiter/-innen.
Und genauso zeitangepasst änderten sich die Rahmenbedingungen für die Kursorganisation: „… in den ersten Jahren nach dem Krieg (stellten) sich dem Betrieb noch viele materielle Schwierigkeiten entgegen. So musste man, um die nötige Zahl der Glühbirnen (…) einen heftigen Kampf führen und die Räume (…) konnten nicht genug geheizt werden. Zu allem Unglück wurde aus Mangel an elektrischem Strom der Strom im Winter um 21.00 Uhr eingestellt.“ (Prof. Dr. Riemensperger im Vorwort des Programmhefts 1951/1 zum Rückblick „Fünf Jahre VHS“). Heute sorgt ein technischer Dienst (früher Hausmeister) dafür, dass alle drei Standorte der Volkshochschule für den Unterrichtsbetrieb und die Verwaltung bestens vorbereitet sind.
 
Finanzierung
Ein Thema der Volkshochschule war immer auch die Finanzierung und damit verbunden die Frage der Gebühren und Honorare. Bis Anfang der 1990er Jahre waren Volkshochschulen zufriedenstellend ausgestattet: Die öffentlichen Mittel waren in etwa angemessen. Stadt und Land fühlten sich dem Weiterbildungsgesetz des Landes verpflichtet, wobei die Stadt immer den viel größeren Anteil der Zuschüsse trug als das Land. Dozentinnen und Dozenten übten ihre Tätigkeit meist im Nebenberuf aus und waren dementsprechend auch mit geringen Honoraren zufrieden. Gebühren konnten somit klein gehalten werden und ermöglichten den Zugang zu den Bildungsangeboten für alle.
Dies änderte sich in den darauffolgenden Jahren dramatisch. Land und Stadt kürzten die Zuschüsse, Dozentinnen und Dozenten, vor allem im Deutschbereich, verdienten zunehmend ihren Lebensunterhalt mit ihrer Unterrichtstätigkeit und waren durch die geringen Honorare nicht mehr ausreichend versorgt, hauptamtliches Personal konnte im bisherigen Umfang nicht mehr finanziert werden.
Die Finanzierung des Bildungsprogramms ist inzwischen wieder einfacher geworden, vor allem deshalb, weil die Volkshochschule immer wieder nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb der öffentlichen Förderung sucht. Noch nicht befriedigend gelöst werden konnte die Frage der Dozentenhonorierung. Hier stehen wir immer noch in dem Dilemma zwischen sozialverträglichen Gebühren und angemessenen Honoraren.

Zukünftige Herausforderungen
In den nächsten Jahren sind es die Themen Grundbildung, Alphabetisierung, Digitalisierung und Demokratiebildung einschließlich der Bildung für Europa, die uns besonders beschäftigen werden. Weiterhin brennend aktuell bleiben die Arbeitsbereiche Integration, der Fachkräftemangel, der demografische Wandel und die Umweltbildung.
Wir mussten und müssen in die Zukunft blicken, um unseren Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern jeweils Angebote machen zu können, die ihnen dabei helfen, aktuelle Entwicklungen nachhaltig zu meistern. Und dass die Bildungsangebote der Volkshochschule jenseits ihres reinen Nutzwertes auch Spaß machen, entspannen oder persönlich bereichern können, mindert nicht ihren Effekt, Herausforderungen gelassener und gestärkt begegnen zu können.
Wir sind stolz darauf, dass wir seit 100 Jahren dank sehr engagierter Dozentinnen und Dozenten ein Bildungsprogramm präsentieren können, das vielseitig, umfangreich, zeitgemäß oder vorausschauend und dabei preisgünstig den Interessen der Bürgerinnen und Bürger entgegenkommt und von ihr angenommen wird.

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